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28/03/2019

Der Neue: Ein Gespräch mit dem Landesrat für Handel und Dienstleistungen

"Ohne starken Verband hätten wir diese Handelspolitik sicher nicht," sagt Achammer.
Philipp Achammer ist seit Ende Jänner der neue Landesrat für Handel und Dienstleistungen. Zuständig ist er auch für die Bereiche Bildung und Arbeit. In diesem Interview spricht er über Nahversorgung, Sonntagsöffnungen, Fachkräftemangel oder Verbände.

Herr Landesrat, was verbinden Sie persönlich mit dem Wort Handel?
Ich kann nicht sagen, dass ich persönlich aus dem Bereich Handel komme. Meine Familie war im Gastgewerbe tätig. Ich bin sozusagen in einem Gasthaus aufgewachsen. Für mich spielt der Handel in zweierlei Hinsicht eine große Rolle für Südtirol: Im Export was den Großhandel anbelangt und in den Orten die gesellschaftspolitische Bedeutung des Einzelhandels. Ich habe viele Kontakte mit unseren deutschsprachigen Nachbarländern und kann Ihnen versichern, dass ich immer wieder mit Nachfragen oder Informationen zu unserer besonderen Situation im Einzelhandel konfrontiert werde.

Südtirol geht seit jeher im Einzelhandel einen eigenen Weg: Dank Raumordnung und Handelsgesetzgebung ist es gelungen, u. a. die Nahversorgung zu sichern und für lebendige Orte zu sorgen. Wird dieser Weg auch mit Ihnen weitergeführt und wird der Handel auch in Zukunft eine ortsrelevante Tätigkeit bleiben?
Die Kontinuität im Weg bleibt sicher erhalten. Natürlich müssen auch angesichts neuer Entwicklungen neue Überlegungen angestellt werden. Denken wir nur an den Onlinehandel und auch an seine Auswirkungen was die Logistik oder die Verkehrsflüsse anbelangt. Die Frage ist, wie unsere derzeitige funktionierende Handelsstruktur in Zukunft auch durch neue und innovative Ideen aufrechterhalten werden kann. Das, um weiterhin deutlich aufzuzeigen, dass die Nahversorgung oder der Händler nebenan unser Rückgrat sind. Oft sind vorhandene Strukturen selbstverständlich, aber wenn sie weg sind, dann ist es zu spät, und der Aufschrei ist groß.

Wieso ist dieser Punkt für Sie ein so wichtiges Anliegen?
Es geht darum, mit welchen neuen und gemeinsam entwickelten Ansätzen die Grundlage der Nahversorgung gestärkt und wie ihre Stärken, wie Nähe zum Kunden und Flexibilität, auf neuen Wegen ausgespielt werden können. Mir fallen da z. B. Mischnutzungen ein, bei denen interessante Angebote kombiniert werden können.

Wie ist Ihre Position zu den total liberalisierten Öffnungszeiten im Handel?
Ich bin absolut gegen eine totale Liberalisierung. Mit dieser kann nur derjenige mithalten, der die Mittel dazu hat. Es geht um den Wert des Sonntags. Mehr Zeit für die Familie. Und eine konsumfreie Zeit tut auch der Gesellschaft gut. Um diesem gerecht zu werden, braucht es eine neue Regelung, die Südtirol selbst bestimmen kann. Dies vor allem, weil wir andere Handelsstrukturen haben und ein Tourismusland sind. Somit Öffnungen für wenige Sonntage im Jahr und mit gewissen Ausnahmen. Die autonome Regelung ist der Weg.

Wie sind hier die Erfolgsaussichten in Rom?
Ich hoffe, dass auf unsere differenzierte Situation und Besonderheit Rücksicht genommen wird. Wir haben ja bereits für unseren Handel eine eigene Durchführungsbestimmung zum Autonomiestatut erreichen können.

Unsere Leser bzw. unsere Mitgliedsbetriebe interessiert vor allem auch eines: Mit welchen konkreten Entlastungen können sie rechnen?
Das Wort Vereinfachung ist immer an der Tagesordnung. Ich habe allerdings den Eindruck, dass je mehr darüber gesprochen wird, umso mehr werden die Verpflichtungen. Hier ist Vorsicht geboten. Jede neue Kontrolle, jede neue Regelung erfordert sozusagen neue Zettel. Es wäre schon viel geholfen, wenn ich Behördengänge ersparen könnte mit einer zentralen Stelle, wo ich alles erledigen kann. Mehr Nutzerorientierung schaffe ich auch durch mehr Onlinedienste. Wir müssen auch weg von der Kultur einer absoluten Kontrolle und des Misstrauensprinzips hin zu mehr Vertrauen. Einfach ausgedrückt: Derjenige, der in Ordnung ist, sollte nicht nachweisen müssen, dass er in Ordnung ist.

Klein- und familiengeführte Unternehmen prägten bisher das Bild der Südtiroler Wirtschaft: Wie sehen Sie hier die weitere Entwicklung?
Man hat es gesehen: In schwierigeren Zeiten sind gerade diese Betriebe dank ihrer Flexibilität unser Rückgrat. Sie haben Zukunft und spielen neben dem wirtschaftlichen Aspekt auch gesellschaftspolitisch durch ihre Verbundenheit zum Territorium eine tragende Rolle für unser Land. Ein immens großer Wert.

Viele Kleinbetriebe stehen vor einem Generationenwechsel bzw. einer Betriebsnachfolge: Wie beurteilen Sie die Lage?
Wichtig ist, dass gerade junge Menschen, die ein Unternehmen übernehmen, die Möglichkeit sehen, etwas Neues zu machen und etwas Innovatives aufzubauen. Sich somit selber verwirklichen können. Auch in den kleinen Betrieben. Das ist die Herausforderung schlechthin.

Die Dienstleistungen sind ein vielfältiger und vor allem ein sehr dynamischer Sektor. Wie wird der Wirtschaftslandesrat diesen Bereich berücksichtigen?
Wenn ich an die Start-ups denke, so sind diese wesentlich in diesem Bereich tätig. Verschiedene Nischen und unser Standortvorteil – sprachlich/kulturell – ermöglichen viele und vielfältige Tätigkeitsfelder. Der Dienstleistungsbereich hat dank seiner Flexibilität, was gerade der Markt erfordert, ein enormes Potenzial. Betriebsgründungen sind für mich ein großes Thema.

Dass die Kompetenzen Wirtschaft, Bildung und Arbeit in einem Ressort vereint wurden, wird als erfolgsversprechend bewertet. Entsprechend groß ist die Erwartungshaltung: Was können wir uns hier erwarten?
Ich sehe große Chancen, durch den direkten Kontakt Bildung und Wirtschaft noch näher zusammenzubringen – mit dem Ziel, sich gegenseitig zu befruchten. Praxisorientierte Ausbildungen, stark ausgerichtet auf die Notwendigkeiten der Wirtschaft, sind notwendig, um Perspektiven bieten zu können. Und mehr Sensibilität für das Thema Mehrsprachigkeit. Was die Arbeit anbelangt, so sehe ich die Möglichkeit einer viel strategischeren Arbeitsmarktpolitik.

Stichwort Fachkräftemangel: Gerade im Handel, aber auch in vielen Dienstleistungsberufen werden Kräfte dringend gesucht. Der hds führt eine Reihe von Aktionen durch (Anmerk. der Redaktion: www.myway.bz.it), um Jugendliche für diese Fachberufe zu begeistern. Was werden Sie unternehmen?
Die Wertschätzung und das Ansehen für die Ausbildung und für die Berufe im Handel sind absolut zu steigern. Es gibt Sektoren, in denen man in der Gesellschaft fälschlicherweise glaubt, dass es für gewisse Jobs nicht viel Ausbildung braucht und die man zwischendurch und ganz schnell ausüben kann. Im Handel ist es ähnlich wie im Service. Ich muss aber auch sagen, dass es Anbieter (etwa Ketten) gibt, die zu diesem schlechten Image beitragen. Denn dort sind gut ausgebildete Fachkräfte nicht gefragt. Berufe im Handel erfordern eine hohe Qualifikation mit bestimmten Softskills (Auftreten, Umgang mit Menschen und Sprachen) – mehr wie in vielen anderen Bereichen. Ich wünsche mir für die nächsten Jahre, dass auch unsere Betriebe eine starke Wertschätzung für die Ausbildung in diesem Bereich verspüren.

Abschließend: Welche Rolle spielt der Verband gegenüber Gesellschaft, Wirtschaft und Politik in der heutigen Zeit und vor allem in Zukunft?
Für mich ist er ein wichtiger Partner in der Wirtschaftspolitik. Und für die Betriebe ist es wichtig, dass sie über den eigenen Verband Identifikation, Interessenvertretung und eine starke Stimme für den eigenen Sektor verspüren. Er ist ein wichtiger Baustein, um Themen immer und immer wieder aufzugreifen. Ich bin überzeugt: Ohne starken Verband hätten wir diese Handelspolitik sicher nicht. Von daher ist der Verband nach wie vor aktuell.
 
 
 
 
 
 
 
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