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31/07/2018

Der Mittelstand ist viel agiler

Der Mensch ist kreativer und flexibler als jeder Algorithmus.

„Erfolgreiche Führung im digitalen Zeitalter besteht aus der eigenen Persönlichkeit mit einer Prise von Malik, Google und Gandhi sowie viel Erfahrungswissen.“ Das sagt Patrick Merke. Er hat über 20 Jahre Erfahrung als Führungskraft und Manager. Unter anderem 15 Jahre in Unternehmen der Gruppe Frankfurter Allgemeine Zeitung (F.A.Z.) in verschiedenen Positionen – zuletzt als Bereichsleiter des Themenfelds Human Resources sowie als Leiter Business Development. Heute verantwortet er im Institut für Führungskultur im digitalen Zeitalter in Frankfurt am Main den Bereich Business Development, Studien und Diagnostik. Seine Schwerpunktthemen sind Führung im digitalen Zeitalter, Kommunikation und Business Innovation. Er war zu Gast im hds beim diesjährigen Tag der Dienstleister. Grund genug, um mit ihm ein ausführliches Gespräch zu führen.

Herr Merke, welche Rolle spielen für Sie Malik, Google und Gandhi?
Diese drei Zutaten stehen für Fokussierung, Experimentierfreude und Selbstführung. Prof. Fredmund Malik, der Managementexperte von der Universität St. Gallen, ist ein Meister der Fokussierung. Kaum einer hat in seinen Büchern so präzise die wesentlichen Aufgaben und Instrumente von Führungskräften beschrieben – für mich eine
Pflichtlektüre für jede Führungskraft. Mahatma Gandhi ist ein Meister der Selbstführung. Mit einer bewundernswerten Disziplin und Selbstbeherrschung hat er Indien in die Unabhängigkeit geführt – gegen eine Großmacht ohne Gewalt und nur mit Worten und seinem Verhalten. Und erfolgreiche Mitarbeiterführung beginnt bei der Selbstführung und endet bei meinem Verhalten. Wenn ich mich selbst nicht führen kann und mich entsprechend verhalte, sollte ich auch andere Menschen nicht führen. Gandhi hat es einmal sehr treffend formuliert: „Du musst die Veränderung sein, die du in der Welt sehen willst.“ Besser lässt es sich nicht auf den Punkt bringen. Und Google als Unternehmen ist ein Meister des Digitalen und des Experimentierens. Und Führungskräfte müssen zum einen „digitaler“ denken und handeln und zum anderen sich auch im Kontext der Führung auf Experimente einlassen. So hat zum Beispiel Google einmal alle Managerposten abgeschafft, um u. a. herauszufinden, welche Rolle und Einfluss Manager auf die Teamleistung haben. Das nenne ich Experimentierfreude.

... und was war das Ergebnis?
... nach sechs Wochen wurden die Manager wieder eingesetzt, weil Manager doch nützlich sind – auch bei Google. Und damit haben wir auch gleich ein sehr schönes Beispiel, dass man auch Fehler machen darf – wenn man denn dann auch daraus lernt!

Welche Rolle spielen heute und vor allem in Zukunft Mitarbeiterbegeisterung und -motivation?
Mitarbeiterbegeisterung und –motivation sind nach wie vor außerordentlich wichtig und auch weiterhin elementar für das Führen im digitalen Zeitalter. Aber anders, wie es viele von uns noch gelernt haben. Früher hatte man den Fokus vor allem auf die direkte Motivation gelegt, also Belohnung, Prämien, direkte Ansprache und Schulterklopfen. Heute wirkt dies auch noch, aber viel wichtiger und nachhaltiger ist es, die Mitarbeiter indirekt zu motivieren. Hierzu zählen Vertrauen schenken, Selbstbestimmung ermöglichen sowie Gestaltungsund Entscheidungsfreiräume zulassen.

Algorithmen, Roboter, Künstliche Intelligenz (KI )... welche Rolle wird der Mensch noch spielen?
Das ist ein sehr spannendes Thema und beschäftigt auch uns gerade intensiv. Die Antwort ist auch relativ einfach – zumindest mit Blick für die kommenden 30 Jahre. Für diese Zeit wird der Mensch weiterhin eine sehr wichtige und führende Rolle spielen: Der Mensch ist und bleibt der Initiator, der Treiber, der Versteher und der Entscheider – und damit der Chef! Trotz aller Fortschritte und der nicht zu unterschätzenden und faszinierenden Unterstützungsleistung der KI für den Menschen, wird die KI den Menschen als Spezies nicht ersetzen, beherrschen oder gar unterdrücken. Hier wird meines Erachtens die KI aktuell definitiv überschätzt. Die KI wird aber auch viele Menschen aus bestimmten Aufgaben und Berufen verdrängen und unser Leben sehr stark beeinflussen und teilweise auch bestimmen, so dass die Frage nach unserer Rolle in der (ferneren) Zukunft sehr berechtigt ist. Aber dies ist heute noch Theorie. Für meinen neunjährigen Sohn oder meine Enkel wird diese Frage nach der Rolle in Zukunft sehr wahrscheinlich eine praktische Relevanz haben. Für mich und mein restliches Leben bleibt es eine philosophische Frage.

Was bringt diese Entwicklung bzw. die Digitalisierung insgesamt speziell für heute beratungsintensive Bereiche, wie Einzelhandel und Dienstleistungen, mit sich?
Die Digitalisierung ist hier ein Fluch und ein Segen zugleich. Der Fluch: Die Digitalisierung macht vor nichts Halt. Es gilt der Grundsatz: „Alles wird digitalisiert.“ Selbst die Wissensarbeit, also kreative und lösungsorientierte Tätigkeiten sowie beratungsintensive Bereiche werden zunehmend erfolgreich digitalisiert. Algorithmen und KI können eine genauso gute und teilweise auch bessere Beratung leisten als der Mensch. Der Segen: Aber der Mensch ist und bleibt immer noch kreativer und flexibler als jeder Algorithmus und jede KI. Und er kann noch mehr leisten, wenn er die Algorithmen und die KI für sich sinnvoll nutzt, z. B. durch neue Serviceleistungen oder durch Nischenangebote im analogen oder digitalen Bereich. Hier gibt es heutzutage kaum bzw. immer weniger Grenzen. Selbst eine eher traditionelle Branche wie das Fleischerhandwerk nutzt und experimentiert sehr erfolgreich mit Verkaufsautomaten, Grillfleisch-Konfiguratoren oder den Steak-O-Mat.

Südtirols Unternehmenslandschaft ist geprägt von kleineren und familiengeführten Betrieben. Welche Vorteile hat dieser Mittelstand gegenüber Großbetrieben und Konzernen?
Der allergrößte Vorteil ist die familiäre Kleinheit und die damit verbundenen flachen Hierarchien und schnelleren Entscheidungsprozesse. Dadurch ist der Mittelstand viel flexibler oder wie es neudeutsch heißt: agiler. Das ist ein nicht zu unterschätzender sehr wertvoller Wettbewerbsvorteil. Wir beim Institut erleben es oft, wie schwer es größere Unternehmen haben, schnell zu reagieren und sich damit selbst im Weg stehen. Aber der Mittelstand muss diesen Trumpf auch ausspielen und auch etwas wagen. Die kleineren Unternehmen müssen vielfach noch digitaler denken und handeln – und dabei auch das eigene Geschäftsmodell kritisch hinterfragen. Wobei dies in erster Linie nicht immer sofort bedeutet, den Betrieb komplett zu digitalisieren. Nein, es bedeutet zunächst einmal das sinnvolle Zusammenwachsen von On- und Offlinewelt. Hier liegen die großen Chancen für den Mittelstand: Digitalisiert eure analoge Kompetenz soweit nötig, aber nicht unbedingt so weit wie möglich.

Interview: Mauro Stoffella
 
 
 
 
 
 
 
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