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08/02/2019

Ein Händler ersetzt drei Psychiater

Ortsentwicklung: Österreichs Handelsobmann Peter Buchmüller im Gespräch

Peter Buchmüller: „Das Bedürfnis nach Individualisierung von Angeboten sehe ich als enorme Chance.“
Die erfolgreiche gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung eines Ortes ist eng mit der Raumordnung verbunden und wie diese streng oder weniger streng geregelt. Peter Buchmüller, Chef der Sparte Handel in der Wirtschaftskammer Österreich, sieht hier Südtirol als gutes Beispiel. Etwa mit der klaren politischen Vorgabe über die Raumordnung den Handel in den Orten und nicht außerhalb wie in den Gewerbegebieten oder im landwirtschaftlichen Grün anzusiedeln und zu entwickeln – mit dem Ziel, Städte und Orte lebendig und attraktiv zu halten. „Wir in der Bundessparte Handel halten das für einen guten und wichtigen Schritt. In Österreich hat es in der Vergangenheit ja leider andere Tendenzen gegeben“, sagt er.

In Österreich ist man mit Geschäften mehr als gut versorgt: Jedem Österreicher stehen 1,56 Quadratmeter Verkaufsfläche zur Verfügung. Damit liegt unser Nachbarland im Spitzenfeld der EU und nimmt nach Belgien und Deutschland den dritten Platz ein. Heute wird aber mittlerweile in der Handelsplanung mit entsprechenden Maßnahmen gegengesteuert: So sind einige Bundesländer dazu übergegangen, Raumordnungsgesetze zu ändern, und die Ansiedelung von Betrieben an den Ortsrändern wurde eingedämmt.

Arbeitgeber, Ausbilder und Investor in einem
Auf die Frage zur Bedeutung des Einzelhandels für die Entwicklung von Dörfern und Städten meint der Handelschef, dass der Handel einen wesentlichen Beitrag zur (Nah-)Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs leistet. „Ganz zu schweigen von der Bedeutung des Handels im Kampf gegen die Verödung des ländlichen Raumes! Darüber hinaus ist es ein Faktum, dass Ladengeschäfte Stätten der Zusammenkunft und Kommunikation sind. Ich sage es in Abwandlung eines Ausspruchs des früheren WKÖ- und jetzigen Eurochambres-Präsidenten Christoph Leitl: Ein Händler ersetzt drei Psychiater! Der Einzelhandel ist nicht nur Nahversorger, sondern auch ein wesentlicher Faktor im sozialen Gemeinwesen – nämlich Arbeitgeber, Ausbilder und Investor. Und ich bin auch überzeugt: Den Handel wird es immer geben“, resümiert Buchmüller. Aber um lebendige und attraktive Innenstädte und Ortszentren zu erhalten und vor allem weiterzuentwickeln, braucht es laut dem Handelsobmann einen attraktiven Branchenmix, realistische, möglichst moderate Mieten, durchdachte Verkehrskonzepte, Parkraum und leistbare Parkplätze, die Vermeidung von überbordendem Denkmalschutz bzw. die Eindämmung des so genannten „Ensembleschutzes“ sowie die Ansiedelung wichtiger Frequenzbringer (Ärztezentren, Behörden, Schulen usw.) nicht am Stadtrand, sondern im Zentrum.

On- und offline verknüpfen
Ganz neu in diesem ganzen Gefüge ist die fortschreitende Digitalisierung, die vieles verändert. „Im Handel geht es insbesondere um die Vernetzung der Unternehmen untereinander sowie mit Konsumenten mittels – vielfach mobiler – Devices. Das WWW kann als Plattform für regionale Produkte und Dienstleistungen wie Freizeit- und Kulturangebote dienen. Infos von Orten, Städten, Regionen per Mausklick abrufen, per App durch Destinationen navigieren und dabei Informationen etwa von Angeboten und Öffnungszeiten bekommen – das sind durchaus nützliche und bequeme Entscheidungshilfen für Einkäufe bzw. Buchungen“, meint Buchmüller.
Darüber hinaus können Informationen über besondere Waren- und Dienstleistungsangebote, Aktionen sowie touristische und kulturelle Angebote via Newsletter, RSS-Feed oder Podcast unter die Leute gebracht werden. Tatsache ist: Patentrezept dafür, wie vor allem die innerörtliche Wirtschaft die Chancen, die die Digitalisierung bietet, nutzen kann, gibt es definitiv keines. Wichtig wäre – so Buchmüller –, dass ein möglichst großer Teil der Konsumausgaben in den lokalen Handel fließt, denn das führe zu mehr Investitionen und sichere Arbeitsplätze. Auch die Konsumenten sind am Zug: Sie treffen bei jedem einzelnen Einkauf im Geschäft, mit jedem einzelnen Klick beim Onlineshopping eine Entscheidung.

Können Onlinehandel und stationärer Handel überhaupt gemeinsam bestehen? Der Handelsobmann dazu: „Die meisten der in Österreich insgesamt rund 9000 tätigen Onlineshops sind so genannte Multichannel-Händler. Sie haben erkannt, dass die Verknüpfung von online und offline immer wichtiger wird, verbinden das Beste aus beiden Welten. Der Onlinehandel zeigt sich durchaus dynamisch: Die Österreicher geben im Jahr sieben Milliarden Euro im Netz aus. 3,2 Milliarden davon werden in Österreich umgesetzt. Der Wermutstropfen dabei ist: Mehr als die Hälfte fließt ins Ausland. Umso wichtiger ist es, dass hier faire Wettbewerbsbedingungen geschaffen werden. Die Produkte sollten dort besteuert werden, wo der Umsatz ausgeführt wird, also in Österreich. Wir fordern hier seit langem eine Änderung der Besteuerungssystematik auf europäischer und internationaler Ebene.“

Herausforderungen und Entwicklungspotenzial
Der Handel steht somit vor immensen Herausforderungen, dazu gehören etwa technologische Umwälzungen in immer schnellerer Abfolge, aber auch demografische Entwicklungen sowie ein geändertes Kundenverhalten. Ob stationärer Handel oder Onlinehändler – Kunden haben neue Anforderungen etwa an die Verfügbarkeit von Produkten, die Preisgestaltung sowie die Bestell-/Umtausch-/Rückgabe-Modalitäten. Für Buchmüller zeigen die Entwicklungen die Zukunft des Einzelhandels als Omni-/Multichannel-System, bei dem der Hande das Beste aus beiden Welten verbindet. Heißt: Die Einzelhändler bieten ihre Waren sowohl offline als auch online – mit einem eigenen Onlineshop oder über Plattformen – an. Die Kunden schätzen es, sowohl online als auch offline einzukaufen, auch sie wollen das Beste aus beiden Welten – und das nahtlos. Last but not least gilt es dort sein, wo der Konsument (auch) ist – nämlich am Smartphone: soziale Netzwerke/Social Media, Instagram, Facebook, Snapchat & Co. heißen die Schlagworte in diesem Zusammenhang.
„Ich bin fest davon überzeugt, dass Händler und ihre Mitarbeiter da mit Beratungskompetenz und Service besonders punkten können. Das Bedürfnis nach Individualisierung von Angeboten sehe ich ebenfalls als enorme Chance“, erklärt Buchmüller.

Laut ihm leistet einen nicht unwesentlichen positiven Beitrag die Neugestaltung des Handels-Kollektivvertrags in Österreich. Am Ende der nach wie vor laufenden Verhandlungen zwischen den Sozialpartnern sollen entrümpelte, zeitgemäße, nachvollziehbare und vor allem praxisorientierte Leitlinien für das Arbeiten im Handel stehen. Das bringt den Betrieben genauso etwas wie ihren – derzeitigen und zukünftigen – Lehrlingen und Mitarbeitern.

Klein- und familiengeführte Betriebe
Und was ist mit Trends wie Regionalität, lokale Produkte und Vertrauen: Können diese in einer Welt der Anonymisierung bestimmende Faktoren für den stationären Handel werden? „Ja, die Wünsche der Verbraucher nach Regionalität, nach Nachvollziehbarkeit der Herkunft werden immer wichtiger und manifester. Hier ist einer der Pioniere, ein Vorreiter sicher der österreichische Lebensmittelhandel: Dieser legt seit Jahren den Fokus stark auf Produkte aus der Region. Und das Konzept ist aufgegangen. Dazu kommt der Aspekt der Nachhaltigkeit und des – möglichst kleinen – so genannten ökologischen Fußabdrucks. Will heißen: Produkte und Dienstleistungen sollen möglichst umweltverträglich sein.“
Abschließend bricht Buchmüller noch eine Lanze für Klein- und familiengeführte Betriebe. Haben diese noch eine Überlebenschance? „Selbstverständlich! Multifunktionale Kleinunternehmen sind wichtige Nahversorger. Sie können mit persönlicher Beratung, Dienstleistungskompetenz und Nischenprodukten punkten. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Persönliche Kundenbeziehungen werden immer wichtiger.“
 
Orts- und Stadtentwicklung 2020

„Die Qualität des Lebensraumes Südtirol durch eine gezielte Wirtschaftsentwicklung der Orte und Städte steigern”: Mit dieser Vision 2020 hat sich der Handels- und Dienstleistungsverband Südtirol (hds) zum Ziel gesetzt, Komeptenzzentrum für die Entwicklung von Südtirols Städten, Innenstädten und Stadtteilen sowie Dörfern zu werden.

Umgesetzt wird diese Vision u. a. mit der Schaffung eines eigenen Bereiches „Orts- und Stadtentwicklung“ und mittels einer gezielten Geoanalyse. Diese digitale Landkarte, die alle notwendigen Daten enthält, gibt Aufschluss über die Frequenz der Passanten und ist damit ein verlässlicher Indikator für die Attraktivität einzelner Bezirke, Orte oder Straßen.

Diese Erkenntnisse können sowohl für Gemeindeverwaltungen nützlich sein für Entscheidungen und Vorhaben, die einen Ort betreffen, aber auch für einzelne Betriebe, die sich in den Orten neu ansiedeln oder weiterentwickeln möchten (Leerstandmanagement). Dabei spielen über den Einzelhandel hinaus auch ortsrelevante Betriebe in den Bereichen Gastronomie, Privatvermietung, ortsgebundenes Handwerk und Dienstleistungen eine wesentliche Rolle.
 
 
 
 
 
 
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