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Städte und Orte müssen Erlebnisräume sein

Studie Onlinehandel: Stefan Genth, Chef des deutschen Handelsverbandes im Gespräch

Veröffentlicht am 12.12.2017

Die Digitalisierung aller Lebensbereiche verändert auch den Einzelhandel und mit ihm möglicherweise auch die Orte des Handels. Eine aktuelle, in Deutschland durchgeführte, groß angelegte Studie durchleuchtet die Trends im Onlinehandel und die Auswirkungen auf Städte und Orte. Für Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverband Deutschland (HDE), gilt: Der Einzelhandel muss sich einmal mehr wandeln.

Für Stefan Genth spielt heute der Einzelhandel immer noch eine wesentliche Rolle in der Entwicklung unserer Orte: Der Handel ist einer der wichtigsten Steuerzahler der Städte und Gemeinden. Als einer der größten Arbeitgeber sorgt die Branche für Wohlstand und Beschäftigung. Die Handelsorte übernehmen darüber hinaus eine soziale Aufgabe, indem sie wichtige Begegnungsorte der Gesellschaft strukturieren. „Die Handelsunternehmen sind die Zugpfer-de der Innenstädte. Ohne sie gäbe es keine Shoppingtouristen, keine bunt glitzernden Fassaden und keine renovierten Altstädte. Der Handel ist Magnet für viele Besucher aus dem Umland, davon profitieren auch andere Branchen wie Gastronomie oder Hotellerie“, so der Handelsexperte. Eine enge Kooperation mit den Städten und Gemeinden ist umso wichtiger, als der Einzelhandel derzeit einen tiefgehenden Strukturwandel erlebt. Das Gesicht der Städte verändert sich. Auslöser dafür sind neue Trends im Shoppingverhalten der Kunden, der demographische Wandel und der wachsende Onlinehandel. Laut Genth gibt es heute in Mitteleuropa noch viele städtebaulich und funktional attraktive Innenstädte. Dies hilft auch dem Handel. Anderenorts müssen Leerstände verkraftet werden. In Deutschland hat eine aktuelle Studie des Handelsforschungsinstituts IFH gezeigt, dass die Verbraucher die Innenstädte im Schnitt mit drei Plus benoten. „Das ist im Mittel zu wenig, um Kunden zu begeistern“, so Genth.

Moderne Infrastrukturen
Um lebendige und attraktive Orte zu erhalten und vor allem weiterzuentwickeln, gibt es für den HDE-Spitzenfunktionär ein Rezept: Innenstädte müssen Erlebnisräume sein. Entscheidend dafür ist die Baukultur. Es geht um ein stimmiges Gesamtbild im Ortszentrum, in dem sich die Verbraucher sicher und gut aufgehoben fühlen. Dazu kann bei zu viel Leerstand auch die Verkürzung einer Fußgängerzone beitragen. Gefordert sind aber auch die Immobilieneigentümer und -entwickler. Sie müssten ihrer Verantwortung für eine nachhaltige Entwicklung gerecht werden. Ein Beispiel könnten Mieten sein, die die Besucherfrequenz berücksichtigen und dadurch der finanziellen Überforderung der Händler vorbeugen. Außerdem braucht der Einzelhandel eine moderne Infrastruktur: Ein leistungsfähiges Straßennetz, ausreichend Parkplätze und ein gut ausgebauter öffentlicher Personennahverkehr sind unverzichtbar. Infrastruktur heißt in Zeiten der Digitalisierung aber auch Ausbau von Breitbandnetzen für eine flächendeckende Versorgung mit schnellem Internet. Denn immer mehr Händler bauen sich im Internet ein zweites Standbein auf und verknüpfen on- und offline.

Onlinehandel: Prognosen schwierig

Der Onlinehandel ist aktuell der Wachstumstreiber für den Einzelhandel und steht in Deutschland für rund 30 Prozent des Umsatzplus in der Gesamtbranche. Wie die Studie aufzeigt, ist die Wachstumsdynamik in einigen Kategorien (z. B. Unterhaltungselektronik, Bücher) geringer geworden, in anderen Warengruppen (z. B. Heimwerkerbedarf, Autozubehör) beginnt das Wachstum gerade erst. Einige Experten sehen „den Goldrausch im Onlinehandel“ (vor allem bezogen auf Mode) bereits zu Ende gehen. Im Buchhandel wird beispielsweise beobachtet, dass mit neuen Ladenkonzepten Kunden zurückgewonnen werden. Weitgehend offen ist die Frage, wie sich der Onlineeinkauf von Lebensmitteln entwickeln wird. Allgemein gilt: Prognosen zur weiteren Entwicklung des Onlinehandels sind schwierig. Je nach Branche werden die Entwicklungen sehr unterschiedlich verlaufen. Auch der Multichannelhandel, der seine Heimat häufig im stationären Handel hat, wächst weiter. 55 Prozent dieser Unternehmen rechnen mit steigenden Onlineumsätzen in 2017. Die intelligente, digitale Verzahnung zwischen stationärem Geschäft und online – das ist für Genth die Zukunft des Handels. „Deshalb eröffnen immer mehr bisher reine Onlinehändler auch stationäre Geschäfte. Umgekehrt bauen aus demselben Grund immer mehr stationäre Händler eine Onlinepräsenz auf. Digitalisierung im Handel ist aber mehr als die Eröffnung von Onlineshops. Denn auch die stationären Geschäfte nutzen die neuen Möglichkeiten für sich und ihre Kunden. Anwendungen wie Innennavigation, digitale Produktinformationen oder mobile Bezahlung sind in aller Munde.“

Kunden abholen

Für die Herausgeber der Studie zum Onlinehandel ist auf jeden Fall eines klar: Das Wachstum des virtuellen Handels ist ein Trendverstärker, jedoch nicht der Auslöser für die derzeitigen Herausforderungen des stationären Handels. Zu diesen haben in Deutschland beispielsweise auch die überdimensionierten Flächenausweisungen außerhalb der Städte in den vergangenen Jahr(zehnt)en beigetragen. Der Einzelhandel muss sich somit heutzutage einmal mehr wandeln. Es fängt laut Genth damit an, dass jeder stationäre Händler zumindest im Internet auffindbar sein muss. „Außerdem müssen alle Unternehmen prüfen, ob es Sinn macht, einen eigenen Onlineshop aufzubauen oder über Plattformen zu verkaufen.“ Prinzipiell bieten das Internet und der Onlinehandel Unternehmen viele Chancen, sich auch mit Nischenkonzepten einen größeren Kundenkreis zu erschließen. Es gilt: Die Händler müssen die Kunden „dort abholen“, wo sie gerade einkaufen wollen. Darüber hinaus geht es auch um die Digitalisierung der Geschäfte vor Ort. „Es geht um neue Serviceleistungen für die Kunden. Für den stationären Handel ist dabei WLAN von großer Bedeutung. Denn Innovatiotitelgeschichte nen wie die Navigation in den Geschäften oder mobile Bezahlung setzen voraus, dass die Kunden mit ihren Smartphones im Geschäft Zugriff auf das Internet haben. Aufgrund baulicher Gegebenheiten oder schlechter Netze ist das aber oft nur per WLAN sicherzustellen. Im Ausbau öffentlicher WLAN-Angebote liegen auch große Chancen für die Innenstädte. Neben dem Handel werden sich Gastronomie, Dienstleister aber auch Nahverkehrsunternehmen und die Verwaltung im Allgemeinen weiter digitalisieren und den Kunden online Angebote machen“, erklärt der HDE-Geschäftsführer.

Traditionelle Stärken

Parallel zur Digitalisierung müssen die stationären Händler auf ihre traditionellen Stärken setzen. Genth dazu: „Das Einkaufserlebnis muss stimmen. Dazu gehören die persönliche, kompetente Beratung und die Inszenierung der Ware. Der persönliche Kontakt zum Kunden ist eine Riesenchance, die auch konsequent genutzt werden muss.“ Genth geht abschließend auch auf die Frage ein, wie er die politische Vorgabe des Landes Südtirol sehe, über die Raumordnungsgesetzgebung den Handel in den Orten und nicht außerhalb wie in den Gewerbegebieten oder im landwirtschaftlichen Grün anzusiedeln – mit dem Ziel, Städte und Orte lebendig und attraktiv zu halten. Er sieht gewisse Ähnlichkeiten mit Deutschland: „Hierzulande orientiert sich die Planungskultur an der optimalen Versorgung der Bevölkerung. Diese ist aufgrund der kurzen Wege durch Handelsstandorte in den Ortszentren am ehesten sicherzustellen. Daher ist es umso wichtiger, diese Handelsstandorte im Sinne der optimalen Versorgung der Bevölkerung nicht durch unnötige Außenentwicklungen zusätzlich zu schwächen.“

Studie Onlinehandel
Seit etwa 15 Jahren wird über die Auswirkungen des Onlinehandels diskutiert, zuerst als Ablösung des klassischen Versandhandels, dann in Bezug auf einzelne, besonders online-affine Branchen, wie Bücher und Elektrogeräte und mittlerweile in Bezug auf vielschichtige Auswirkungen auf Stadt und Raum. Relative Einigkeit herrscht darüber, dass eine Mischung aus Handel und sozialer Interaktion als elementare Kennzeichen von Orten auf absehbare Zeit nicht ersetzbar ist. Der Handelsverband Deutschland (HDE) hat heuer mit dem Bundesbauministerium und dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung die Grundlagenstudie bzw. die Onlinepublikation „Onlinehandel – Mögliche räumliche Auswirkungen auf Innenstädte, Stadtteil- und Ortszentren“ herausgegeben. Die Herausforderungen für Städte und Gemeinden steigen gleichfalls wie für den Einzelhandel.

Einzelhandel im hds
 

Stefan Genth, Chef des deutschen Handelsverbandes

 
 
 
 
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